Pacific Crest Trail – Abschnitt 10: Etna – Sierra City


In Etna nächtigten wir gleich zwei Nächte in der Hiker Hut neben dem Bluebird Inn. Zum einen, weil es hier gemütlich war, mit wunderschön angelegtem Garten und Terrasse, und zum anderen, weil es hier Frühstück gab. Für hungrige Hiker ein gutes Preis – Leistungsverhältnis. Nach unseren zwei Tagen im Schneesturm oben in der Marble Mountain Wilderness hatten wir alle einige Blessuren davongetragen, die es nun auszukurieren galt. Zach war umgeknickt und hatte einen geschwollenen Knöchel, Luke hatte große Schmerzen im Fuß und meine beiden Knie verweigerten ihren Dienst. 

In Etna gab es an sich nicht viel zu tun, die Stadt war klein, so klein, dass wir es in Deutschland vermutlich nicht einmal ein Dorf nennen würden. Doch ein Tag Ruhe und wenig Bewegung tat uns allen gut. Hiker „Sunshine“ schlief mit uns in der Hiker Hut und als wir gemeinsam zum Abendessen in Dennys Brauerei gingen, trafen wir überraschenderweise Ethan und Maria! Die beiden hatten Besuch von Ethan’s Großeltern bekommen und waren so ein wenig hinter uns gewesen. Sie wieder zu sehen war eine große Freude und es war ein wunderschöner Abend gemeinsam auf der Terrasse der Brauerei.

Ethan, Maria, Zach, „Sunshine“

Als wir dann schließlich die Wanderung fortsetzten, zeigte sich California ohne seine weiße Verkleidung. Von knapp über 0°C kletterten die Temperaturen wieder hinauf auf 35°C. Nach Etna folgte ein dreitägiger Abschnitt bis Mt. Shasta. Mt. Shasta ist sowohl ein Berg, als auch die Stadt am Fuße eben diesen Berges. Die drei Tage waren relativ ereignislos und wir gaben uns Mühe, unsere Körper zu schonen. Demnach wanderten wir statt den 40-50 km am Tag von vorher nun maximal 35. Das ließ viel Zeit für Yoga, „Krankengymnastik“, lange Mittagspausen, ein Bad im Fluss oder einfach nur Ausschlafen am Morgen. 

Mt.Shasta im Hintergrund

Mt. Shasta war eine gemütliche kleine Stadt mit einem starken „Woowoo“ Edelstein – Hippie Touch. Hier gab es mehr Kristall und Klangschalen Geschäfte, als Bedarf dafür bestehen konnte. Die Kristalle waren aber durchaus sehr schön anzusehen und wären sie nicht so teuer, hätte ich mir vielleicht sogar einen mitgenommen – mehr wegen des Kristalls als der ihm zugeschriebenen Wirkung (Gäbe es „ewige Kniegesundheit“ in Kristallform, würde ich wohl aber doch schwach werden). Während wir durch die Stadt schlenderten, beobachteten wir durch eine Fensterscheibe, wie einem Mann seine Tarot Karten gelesen wurden. „Das machen reiche Leute hier in ihrer Midlife Crisis wenn alles andere nicht mehr hilft.“ sagte Zach. 

Ich kaufte mir ein neues Paar Socken im Outdoor Geschäft und anschließend machten wir uns auf dem Weg zum Campingplatz. Statt Abendessen im Restaurant gab es heute selbstgemachten Salat mit Brokkoli, Mandeln, Tomaten und Paprika aus dem Bioladen.

Mt.Shasta war nicht nur Heimat der Klangschalen und Hippie Girls, sondern auch des mit Abstand BESTEN Kaffees entlang des PCT. Guter Kaffee ist immer subjektiv, doch statt dieser wässrigen Plürre, die hier in den Dinern getrunken und endlos (kostenlos) nachgefüllt wurde, trank ich lieber gar keinen Kaffee. Das kleine Café gegenüber des Outdoor Geschäfts jedoch, wusste genau, wie man einen guten Cappuccino macht. Das ließ direkt melancholische Gedanken an meine wöchentlichen Kaffee Treffen mit meinen Freundinnen in Salzburg aufkommen – dort wusste man auch, wie guter Kaffee sein sollte. Ich überredete Zach, er müsse hier etwas anderes als seinen üblichen schwarzen Americano trinken (bei uns glaube ich ein Verlängerter) und auch er schwebte nach seinem Cappuccino im siebten Kaffee Himmel. Der kam übrigens sogar mit Latte-Art.

Mt.Shasta war für uns insgesamt ein schnelles in-and-out und so waren wir weniger als 24 Stunden nach unserer Ankunft schon wieder auf dem Trail. Tatsächlich war ich vom nächsten Abschnitt nicht sonderlich begeistert. Es gab einfach nicht so viel zu sehen! Wir wanderten den ganzen Tag durch den Wald, 15 Kilometer hinauf, dann 20 hinunter und an keiner Stelle gab es einen Ausblick auf die Berge. Außerdem gab es wenig Wasser und der Trail war so überwuchert, als wäre hier seit Jahren niemand gewandert. Wofür wanderte man den halben Tag bergauf, wenn man dann doch nichts zu sehen bekam? Nicht immer wurde man direkt für seine Mühen belohnt, und ich wusste unsere Belohnung lag noch ungefähr 300 Meilen südlich von uns. 

Ein enthaupteter Wanderstock hilft beim Wasser sammeln…

Außerdem machte ich meine erste Begegnung mit einer Klapperschlange, die mich jedoch freundlicherweise klappernd auf ihre Anwesenheit hinwies. Von ihrer Größe war ich durchaus überrascht, die war mehr als einen Meter lang und wirkte dabei vermutlich sogar kürzer, weil man sie nicht so einfach gerade ziehen und neben einen Zollstock halten konnte. 

Das Wandern war zumindest bis Mittag meist relativ entspannt, die Bäume spendeten Schatten und es war kühl von der Nacht. Nach der Mittagspause jedoch, sah das ganz anders aus. Die Sonne brannte ohne Erbarmen vom Himmel und machte uns das Leben schwer. Der überwucherte Trail bescherte uns etliche Kratzer und Verzierungen an den Beinen und zerfledderte meine geliebte dünne Yogamatte/Isomatte, die außen auf dem Rucksack montiert war. Auch sahen wir den letzten NOBO der Saison und der Trail wurde zunehmend einsamer. 

Vier Tage nach Mt.Shasta erreichten wir Burney Falls – ein Nationalpark mit wunderschönen Wasserfällen, deren Zugang allerdings scheinbar gerade gesperrt war. Nach einem unsäglich heißen Tag kauften wir uns ein großes Softeis und versuchten per Anhalter nach Burney zu fahren. Burney war keine große Stadt, doch immerhin die nächste mit Supermarkt, Waschmaschinen und Unterkunft für zwei stinkende dreckige Hiker. 

Nach erfolglosem Daumen-Ausstrecken am Straßenrand sahen wir einen weiteren Wanderer die Straße entlangwatscheln. Er sagte er würde in zehn Minuten von der Besitzerin des Motels abgeholt werden und sie würde uns sicher in die Stadt mitnehmen. Und so war es auch, nur 30 Minuten später fanden wir uns in „Downtown“ Burney wieder. Unsere Unterkunft war die „Word of Life Church“, die jedes Jahr eine kostenlose Unterkunft mit Duschen, Küche und Aufenthaltsbereich bereitstellte. Wir schliefen nicht direkt in der Kirche sondern im angrenzenden „Gymnasium“. Ein Gymnasium war hier allerdings keine Schule, sondern eine große Sporthalle mit einem Teppich überzogenen indoor Basketball Feld. Neben Zach und mir waren noch zwei Französinnen hier, die schon gestern angekommen waren und auf dem Trail als die „Redwine Sisters“ bekannt waren. Warum das so war, verrieten die zwei entkorkten Rotweinflaschen in der Küche. 

Nach einer schnellen Duschung und einem neuen Outfit aus der „Loaner Clothes“ Kiste gingen wir zum Supermarkt und kauften fürs Abendessen ein. Ich kochte Ravioli mit Tomaten, Spinat und Pesto und kaufte mir ein unsäglich teures Stück Käse. Käse ist so wie Kaffee in Amerika, die können das einfach nicht. Nur dass der Käse hier noch weiter von gutem Käse entfernt war, als der Kaffee von gutem Kaffee. Im Supermarkt fand ich ein Stück Bergkäse aus der Schweiz und tja, da bezahlte ich gerne die Importgebühren, oder was auch immer den Käse so teuer machte. Er war tatsächlich gut, wie meine kritische Zunge später bestätigte. 

Im Gymnasium der Kirche bauten wir unsere Schlafplätze auf und gingen wie immer recht früh zu Bett.

Das Dixie Fire

Der PCT war für über einen Monat zwischen Old Station und Quincy wegen des Park Fires gesperrt. Wir schmiedeten also logistische Pläne, die ein Überspringen dieses Bereiches beinhaltete. Genau einen Tag bevor wir in einer Trail Angel Facebook Gruppe um Hilfe baten, öffnete die PCTA den Bereich des Trails wieder für Hiker. Wir beschlossen jedoch, unseren Plan treu zu bleiben, denn dieser Abschnitt beinhaltete nicht nur die Park Fire Closure, sondern auch das Dixie Fire, das 2021 erbarmungslos 3898 km², (davon 160 km des PCT) niederbrannte. Andere Hiker erzählten uns später, wir hatten die richtige Entscheidung getroffen, das wunderte mich nicht. Wer wanderte schon gerne 160 km durch eine Brandwüste ohne Schatten?

So kam es also, dass wir fast 200 km des PCT übersprangen. Trail Angel Chris fuhr uns von Burney nach Chester, von wo wir einen Bus nach Quincy nahmen. In Quincy übernachteten wir bei Trail Angel „Pounder“ zusammen mit „Smokes“, einem Hiker aus Israel. Am nächsten Morgen frühstückten wir alle gemeinsam in einem kleinen Café und ich bemalte mein Groundsheet mit „Hiker to trail“ und einem PCT Symbol, das ich dann am Straßenrand stehend hochhielt, um uns eine Fahrt zum Trail zu ergattern.

Die Nacht auf dem Feuer Ausguck

In den USA gab es so genannte „Fire Outlooks“. Für gewöhnlich thronten sie auf einem hohen Berg und beherbergten in der Feuer Saison einst Mitarbeiter des Forest Service, die nach Waldbränden oder Rauch Ausschau hielten. Die Fire Lookouts bestanden aus einer bewohnbaren Kabine und einem Stahlgerüst, das den gesamten Turm umgab und mit einem Geländer abgesichert war, so dass man um den gesamten Turm herum gehen konnte. Heutzutage werden diese Fire Lookouts nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck verwendet, sondern sind vielmehr ein beliebtes Ziel für Wanderer geworden, um den Ausblick zu genießen.

Ein solcher Feuer Ausguck befand sich zufällig ungefähr zwei Kilometer und 400 Meter oberhalb des PCTs also beschlossen Zach und ich, dort oben zu schlafen. Der Sonnenaufgang musste fantastisch sein. 

Am späten Nachmittag stiegen wir den steilen Weg zum Fire Lookout hinauf und bewunderten den Ausblick. Mit der Zeit kamen mehr und mehr Menschen, die auch hier oben den Sonnenuntergang beobachten wollten. Darunter eine Gruppe Väter, die gemeinsam zum Mountainbike fahren hier in der Gegend waren. Von ihnen erfuhren wir, dass das legendäre Downyville Mountainbike Festival nur wenige Kilometer neben dem PCT stattfand. Außerdem versorgten sie uns mit Bier und Margaritas, besser konnte der Abend auf dem Feuer Ausguck wohl nicht werden. Sie stellten uns viele Fragen und waren begeistert, mit PCT Hikern zu reden. Das war eine Erfahrung, die ich hier draußen immer wieder machte. JEDER kannte den PCT und wollte mit uns darüber sprechen. 

Als die Sonne schließlich unterging, verabschiedeten sich die anderen Wanderer und stiegen hinab. Nur Zach und ich blieben auf dem Feuer Ausguck und bliesen unsere Isomatten auf. Hier oben war es windig und so war es gar nicht so einfach, unseren Schlafplatz aufzubauen. Als wir schließlich in unsere Schlafsäcke gekuschelt waren, konnten wir die Sterne beobachten. 

In der Nacht drehte der Wind und nahm gewaltig zu. Der Turm wackelte und quietschte und ich machte kein Auge zu. Unser Schlafplatz war ohne Frage spektakulär, doch waren wir hier oben auf 2600 m dem Wind hilflos ausgeliefert. Ich verkroch mich so tief ich konnte in meinen Schlafsack und steckte mir Ohrstöpsel in die Ohren, in der Hoffnung das würde mein Gehirn von Wahnvorstellungen eines umstürzenden Turms abbringen. Der Turm war durchaus ein solides Gebäude, es bestand vermutlich zumindest jetzt keine Gefahr, aber ich konnte mich trotzdem nur schwer beruhigen. 

Nach einer stürmenden Nacht wachten wir am nächsten Morgen gemeinsam mit der Sonne auf. Drei andere PCT Wanderer, die wir zuvor nur kurz getroffen hatten, waren auch zum Turm hinaufgestiegen und so beobachteten wir alle gemeinsam, wie die Sonne langsam aufging und die Landschaft in ein goldenes Licht tauchte.


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